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Schon bei der Betrachtung des Zusammenhanges von ADHS mit frühkindlichen Reflexen oder der Veränderbarkeit eines ADHS beschäftigte ich mich zur damaligen Zeit mit Themen am Rande des Mainstreams und fühlte mich teilweise heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

Nun habe ich versucht, die Kinesiologie über phänomenologische Grundlagen in Bezug zum Lernen und zum Bildungswesen zu setzen, und habe wiederum den  Eindruck auf Unverständnis zu stoßen.

Aber warum ist das so?

Im bildungswissenschaftlichen Kontext ist der Eindruck des Fremdartigen gleichbedeutend mit fehlendem Verständnis oder fehlender Vertrautheit (Waldenfels, 2006, S. 111f). Als Fremdes bezeichnet Waldenfels aber auch, was sich nicht in das eigene Überzeugungs- und Wahrnehmungssystem einfügt und daher tendenziell abgelehnt wird (Waldenfels, 1997, S. 176ff), weil die Fremdheit einer Erfahrungs- und Sinneswelt ein Gefühl der Bedrohung hervorruft, obwohl zumeist eine Vermischung oder ein Ineinandergreifen der eigenen und der fremden Welt wahrgenommen wird (Waldenfels, 2006, S. 117f). Das Fremde bedeutet „Unsicherheit, Bedrohtheit und Unverständnis“ oder aber auch „Beunruhigung, Störung und Verstörung“ (Waldenfels, 2006, S. 124f), und so bedarf es achtsamer Prozesse der Annäherung. Waldenfels erwähnt hierfür z.B. das Zurückstellen selbstverständlicher Annahmen, die Bereitschaft, von Vertrautem abzuweichen oder ein Zurücktreten vor dem Fremden, also eigenes Handeln und sich auf das Fremde einzustellen, denn letztendlich entspringt der Eindruck der Fremdheit dem eigenen Unterbewusstsein (Waldenfels, 2006, S. 131). Eine Abgrenzung ist nur in Verbindung mit einem Selbstbezug bzw. Selbstentzug möglich und impliziert zumeist eine Höherbewertung der eigenen Sichtweise auf Kosten der jeweils anderen, weil Fremdes die gewohnte Ordnung stört (Waldenfels, 2006, S. 26f, 33). Hier wird der Bezug zur Leiblichkeit Merleau-Pontys hergestellt, denn auch Erstaunen und Ängste vor dem Fremden oder eine folgende Lähmung sind meist direkt körperlich spürbar. Der eigene Leib nimmt nicht nur wahr, sondern wird auch wahrgenommen, wenn tiefgreifende Überzeugungen und langfristige Gewohnheiten leibhaftig erlebt werden (Waldenfels, 2006, S. 82). Gerade diese leiblichen Irritationen (Waldenfels, 2006, S. 93), haben zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer wieder Verlockendem, Erschreckenden und Stimulierendem zugewendet wird (Waldenfels, 2006, S. 91, 99). Hin-Hören und Hin-Sehen werden durch Wecken der erwartungsfreien und zeitlosen Aufmerksamkeit bewertungsfrei zu etwas anderem als ein bloßes Hören und Sehen (Waldenfels, 2006, S. 100).

Das gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener Sichtweisen bildet nach Waldenfels einen Ausweg aus einem kräftezehrenden Konkurrenzdenken (Waldenfels, 1997, S. 166), da ansonsten die Gefahr besteht, den eigenen Fokus über zu bewerten und sich – auch eigenen – Mechanismen zu unterwerfen (Waldenfels, 1997, S. 168). Dies entspricht den Gedanken Liptons, wenn Bewusstsein und Unterbewusstsein konträr laufen (Lipton, 2010, S. 125ff).

Andererseits warnt Meyer-Drawe davor, Aspekte oder Theorieansätze, die nicht vorgegebenen, oft selbsterstellten, Normen entsprechen, als unwissenschaftlich abzulehnen, und nur noch anzuerkennen, was statistisch oder durch gezielte Beobachtungen sichtbar zu machen ist, und alles andere schlicht zu ignorieren (Meyer-Drawe, 2008, S. 34). Daher weist sie in Analogie zu MerleauPonty darauf hin, dass auch jede wissenschaftliche Denkweise vor dem Hintergrund eigener Einstellungen erfolgt (Meyer-Drawe, 2008, S. 25ff).

Nach Waldenfels kann die Differenz gegenüber dem Fremden vor allem durch Umgang mit eben diesem Fremden reduziert werden, indem ihm eine Sinnhaftigkeit eingeräumt wird. Bei wiederholter Auseinandersetzung kann das Fremde dann letztendlich zu Bekanntem werden, wenn es in das eigene Erleben eingebunden wird (Waldenfels, 2006, S. 58, 60).

Ich freue mich, wenn ich einen Impuls zu offener, neugieriger Betrachtung geben kann.

Seine Meinung darf sich dann jeder selbst bilden.

Literatur:

Lipton, B. (2010). Intelligente Zellen – Wie Erfahrungen unsere Gene steuern. Burgrain: KOHA-Verlag GmbH.

Meyer-Drawe, K. (2008). Diskure des Lernens. München: Wilhelm Fink Verlag.

Thie, J. (1997). Ist die Kinesiologie/Touch for Health wissenschaftlich? In Edu-K Update 1997 (S. 95-117). VAK, IAK & Renate Wennekes.

Waldenfels, B. (1997). Topographie des Fremden. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Waldenfels, B. (2006). Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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